Na also! Es geht doch! Als die WAZ-Gruppe am Montag ihr neues Lokalportal "Der Westen" online stellte, entfuhrt mir fast ein Seufzer der Erleichterung. Monatelang hatte ich als Berater und Redner auf Medienkongressen die Versäumnisse der deutschen Verlagsbranche gegeißelt, immer wieder gepredigt, dass die bisherige Übertragung des Printgeschäfts ins Internet (mit geringen Erweiterungen wie ein paar Nutzerforen und ähnlichem) keine Zukunft hat. Jetzt hat erstmals ein deutsches Verlagshaus die Zeichen des digitalen Zeitalters verstanden - und gezeigt, dass auch ein Zeitungshaus sehr wohl einen Internet-Auftritt auf der Höhe der Zeit gestalten kann. Wenn, ja - wenn denn der Wille dazu vorhanden ist ..
Was also zeichnet das neue Angebot der WAZ-Gruppe aus? Zunächst einmal kommt der "Westen" schon optisch wie ein modernes Webangebot des Jahres 2007 daher: klar, übersichtlich, mit viel Weißraum und einfacher Navigation. Ein klarer Fortschritt gegenüber dem derzeitigen Durchschnitt der Online-Auftritte regionaler Zeitungshäuse (wie etwa dem Hamburger Abendblatt), die immer noch Textwüsten im Stil der 80er Jahre ins Internet stellen.
Die eigentliche Stärke des "Westens" liegt jedoch jenseits der Optik: Das allgemeine Nachrichtenangebot kommt zunächst klassisch daher, ermögicht aber eine Reihe von Interaktionen der User. Selbstverständlich können alle Artikel kommentiert werden. Zudem können die Nutzer alle regionalen Nachrichten auf einer Karte einordnen. Damit schafft der "Westen" sukzessive eine Datengrundlage für künftige lokalisierte Angebote.
Überhaupt besinnt sich der "Westen" beim Thema Lokalisierung auf seine eigentlichen Stärken. Über eine Personalisierungsfunktion können sich User bis zu 5 Städte anlegen, zu denen dann automatisch die relevanten Nachrichten eingespielt werden (zu einem späteren Zeitpunkt müsste die Funktion natürlich noch bis auf einzelne Stadtteile heruntergebrochen werden). Die Navigation zu den einzelnen Städten erfolgt u.a. über eine zoombare Karte. Sind erst einmal genügend Geo-Daten zu den Inhalten vorhanden, können sich Nutzer über diese Karte wahrscheinlich irgendwann auch alle Nachrichten im Umkreis von 4 Kilometern anzeigen lassen. Das damit zugleich auch die Datengrundlage für hochtargetierte lokale Werbung (z.B. vom Fleischermeister um die Ecke) gelegt wird, versteht sich von selbst.
Überhaupt scheint die WAZ-Gruppe beim Thema Datenhaltung einen guten Schritt über die heutigen Standard der lokalen Verlagsbranche hinausgekommen zu sein. Das Personen- und Firmenregister weisen darauf hin, dass inzwischen alle Contents einheitlich strukturiert verschlagwortet werden. So können schon jetzt zu jeder Person oder Firma Artikel, Bilder, Audios und Videos abgerufen werden - ein Kinderspiel, sobald die Datenhaltung stimmt.
Den größten Schritt nach vorne macht der "Westen" allerdings in seinem Community-Bereich, der (endlich endlich!) alle gängigen Features eines lokalen Web 2.0-Angebots integriert. So können Nutzer Ihr eigenes Profil online stellen, Freunde einladen, Gruppen bilden, Blogs schreiben, Bilder hochladen und eine persönliche Karte ihres Standorts und ihrer Beiträge schaffen.
Welche Nutzungsmöglichkeiten ein solches Angebot auf lokaler Ebene bietet, zeichnet sich schon heute in der Rubrik "Vereine" ab. Seit Jahrzehnten leben Regionalzeitschriften u.a. von lokalen Vereinsnachrichten, nun können die Vereine erstmals selbst Ihre Nachrichten und Termine veröffentlichen, ihre Veranstaltungen mit Fotostrecken kommentieren und ihre Mitglieder online verwalten. Für lokale Vereine ohne teure Webauftritte ist dies ein hochinteressantes Angebot, zumal sie unter den sonstigen Nutzern des "Westens" gleich neue Mitglieder werben können.
Also alles beim Besten im deutschen Regionalverlagsgeschäft? Das lässt sich bezweifeln: Das neue Online-Angebot der WAZ-Gruppe stammt maßgeblich aus der Feder der Bloggerin Katharina Borchert, deren Anstellung von vielen Redakteuren mit einem Aufschrei und einer Warnung von einem "Untergang des Lokaljournalismus" aufgenommen wurde. Dass die WAZ diesen Schritt trotzdem verfolgt hat, ist mutig (und wird im nachhinein sicherlich auch von vielen Verlagsangestellten honoriert). Gleichzeitig legt das Experiment des "Westens" aber die Vermutung nahe, dass allein mit alteingesessenen Angestellten aus dem Print-Umfeld die digitale Welt nur schwer zu erobern ist. Verlage, die im Internet innovative Angebot und Geschäftsmodelle vorantreiben wollen, sind daher mehr denn je auf "Migranten" aus der Online-Branche angewiesen, die mit einer "digitalen Denke" alte Strukturen in Frage stellen.
"Hier ist der Westen" - heißt es auf der neuen Community-Seite - "und wo sind Sie?" Eine Frage, die sich nach dem Launch des Portals auch so mancher deutsche Verlagsmanager stellen dürfte ...

Dass früher oder später auch die Werbebudgets auf nutzergenerierte Plattformen umgeschichtet werden (müssen), ist eine vollkommen logische Konsequenz des Shifts der Nutzer hin zu solchen Plattformen. Wie heißt es so schön: "Money follows eyeballs!" Die jüngste eMarketer-Prognose wird daher sicherlich auch den einen oder anderen Gründer auf der Suche nach Risikokapital begeistern (und vielleicht sogar zum Kauf des kompletten Reports animieren). Wir anderen freuen uns ob einer solch genauen Kalkulation der fernen Zukunft, beglückwünschen die PR-Abteilung von eMarketer zu den rund 30.000 Webveröffentlichungen zu dieser Prognose (wir haben soeben eine hinzugefügt) und denken an ein Spiel aus unserer Jugend: "Malen nach Zahlen" (oder war es umgekehrt?).






