Und wieder einmal kommen die Propheten von eMarketer mit einer bahnbrechenden Prognose daher: Laut den jüngsten Aussagen des Research-Instituts soll sich der Werbeumsatz auf User-generierten Webplattformen auf mehr als 4 Milliarden US-Dollar verachtfachen, schon für 2007 sagt eMarketer ein Umsatzvolumen von rund einer Milliarder US-Dollar voraus.
Dass früher oder später auch die Werbebudgets auf nutzergenerierte Plattformen umgeschichtet werden (müssen), ist eine vollkommen logische Konsequenz des Shifts der Nutzer hin zu solchen Plattformen. Wie heißt es so schön: "Money follows eyeballs!" Die jüngste eMarketer-Prognose wird daher sicherlich auch den einen oder anderen Gründer auf der Suche nach Risikokapital begeistern (und vielleicht sogar zum Kauf des kompletten Reports animieren). Wir anderen freuen uns ob einer solch genauen Kalkulation der fernen Zukunft, beglückwünschen die PR-Abteilung von eMarketer zu den rund 30.000 Webveröffentlichungen zu dieser Prognose (wir haben soeben eine hinzugefügt) und denken an ein Spiel aus unserer Jugend: "Malen nach Zahlen" (oder war es umgekehrt?).


Verstehe ich Sie richtig falsch, dass Sie sich über Prognosen ärgern, sie für unnütz halten, oder für „die Zukunft verfälschend“ (Und gehören Sie nicht, wie links zu lesen ist, selbst zu der Branche?) ? Oder zweifeln Sie nur an dem „Shift“, den Sie dann aber doch „logisch“ finden?
Gleichviel, mich interessiert an diesen Zahlen eigentlich nur der Werbemarkt als solcher. Ich frage mich, wie lange wir noch „nur“ über werbegetriebene Geschäftsmodelle nachdenken können. Der (mindestens in den „westlichen Ökonomien“) endliche (Werbe-)Kuchen verteilt sich über eine im Sekundentakt anwachsende Anzahl von Plattformen, nicht zu sprechen von der Ermüdung, mit der Werbung zunehmend zu kämpfen hat.
Immerhin leuchtet mir ein, dass Werbung immer auf der Suche nach denjenigen Umfeldern ist, in denen sie (überhaupt noch) wahrgenommen wird. Was im TV weggezappt, in Print überblättert, im Radio leisegedreht wird, das sucht nun einen neuen Resonanzboden in „authentischen“ Umgebungen, in denen „die inhaltliche Glaubwürdigkeit“ noch nicht dem Kommerz geopfert wurde. Eine Weile sollte das gutgehen – insofern erscheinen mir die Prognosen ganz plausibel (selbst wenn die „Nachkommastellen“ einem Algorithmus geschuldet wären).
Kommentiert von: Kantenner | 23. Juni 2007 um 13:36 Uhr
Sie verstehen mich richtig - und falsch zugleich. Natürlich halte ich die grundlegende Prognose eines rapiden Anstiegs der Werbeausgaben auf nutzergenerierten Plattformen für richtig - immerhin ist dies eine logische Konsequenz des Aufmerksamkeits-Shifts hin zu diesen Plattformen (und weg von "klassischen" Medienangeboten).
Was mich indes wundert (sowohl an dieser wie auch an jeglichen anderen statistischen Prognosen), ist die Sicherheit, mit der Institute wie eMarketer die konkrete Umsatzentwicklung in den nächsten 4-5 Jahren bestimmen wollen. Solche Kalkulationen können nur auf Hypothesen beruhen, die angesichts der schnellen Umbrüche in den digitalen Medien (a) jederzeit von neuen Entwicklungen überholt werden können und (b) ohnehin schwer quantifizierbar ist. Natürlich - und das ist keine Frage - werden solche Zahlenspiele nur zu gern von Journalisten und in Unternehmenspräsentationen aufgegriffen, allein ihr wirklicher Wert erscheint mir fragwürdig.
Dessen ungeachtet bin ich der Meinung, dass sich Zukunft durchaus prognostizieren lässt, allerdings eher in qualitativer Form. Aus diesem Grund bin ich selbst in meiner Beratungstätigkeit mit quantitativen Prognosen eher zurückhaltend, auch wenn solche gerade im deutschen Management natürlich immer wieder nachgefragt werden. Tatsächlich glaube ich, dass die Auseinandersetzung mit den qualitativen Treibern neuer Medienentwicklungen heutzutage sehr viel zielführender ist als das kontinuierliche Studium von publikumswirksamen quantitativen Prognosen. Innovative Webunternehmen wie Google bauen hierauf ihre Geschäftsstrategien auf - nicht auf ein "Kristallkugel-Lesen" künftiger Marktvolumina.
Allerdings erfordert ein solcher Ansatz Mut, birgt er doch eine gewisse Unkalkulierbarkeit von Investitionsentscheidungen. Gerade in Deutschland fehlt mir dieser Mut - vor allem in etablierten Unternehmen der Medienbranche.
Habe ich damit Ihre Frage beantwortet?
Kommentiert von: Daniel Tschentscher | 25. Juni 2007 um 20:23 Uhr