Der sogenannte "Wisdom of the crowds" - die "Weisheit der Massen" - ist Grundlage vieler Web 2.0-Anwendungen. Wiki-Systeme, Social Networks oder Rating-basierte Nachrichtenportale wie Digg.com basieren auf der Annahme, dass der "Durchschnitt aller Nutzer" (z.B. bei Meinungen und Bewertungen) zu besseren Ergebnissen als der Input eines Einzelnen führt.
Das ist in vielen Fällen richtig - aber sind tatsächlich alle Nutzer "gleich"? In der Realität ist dies kaum der Fall: Bei bestimmten Themen - etwa an der Börse - sind einige Nutzer eindeutig besser informiert, weitsichtiger, oder ganz einfach etwas "intelligenter" als der Durchschnitt aller Teilnehmer. Anstatt also auf eine reine "Gleichmacherei" zu setzen, wäre es in vielen Fällen sinnvoll, aus dem Kreis der Nutzer die jeweils "besten" für eine Aufgabe heranzuziehen, und aus deren (durchschnittlicher) Meinung eine qualitativ höherwertige Aussage zu ziehen als bei einer reinen Durchschnittsberechnung.
Die "Schlauen" finden - aber wie?
Statt eines reinen "Wisdom of the crowds" ist also ein "Wisdom of the few" gefragt - also eine "Weisheit der wenigen", wobei diese "wenigen" die jeweils besten Teilnehmer für eine Aufgabe repräsentieren sollten. Dieser Ansatz ließe sich etwa für die „Veredelung“ von Nutzer-Ratings heranziehen, indem die Bewertungen der Nutzer wiederum "qualitativ" bewertet und entsprechend gewichtet werden. Möglich ist dies, wenn die „Qualität“ der Ratings zumindest nachträglich objektiv messbar ist und aus deren Analyse somit langfristig ein „Qualitätsprofil“ der bewertenden Nutzer gewonnen werden kann. Qualitativ „hochwertige“ Nutzer werden dann bei künftigen Durchschnittsbewertungen höher gewichtet als die durchschnittlichen Nutzer.
Anders als allgemeine Rating-Mechanismen geht dieser „Wisdom of the few“-Ansatz also davon aus, dass einige Nutzer qualitativ hochwertigere Ratings abgeben als andere, und dass diese Nutzer durch eine automatisierte Auswertung ihrer Ratings identifiziert werden können. Dadurch können aus der Masse der Nutzer automatisch „Experten“ zu bestimmten Themengebieten zu identifiziert – und aus deren Durchschnittsbewertung eine zunehmend scharfe Gesamtbeurteilung abgeleitet werden.
Sport und Börse: Geldwerte Prognosen
Einen „Wisdom of the few“-Ansatz verfolgt beispielsweise die werbefinanzierte Sportwettseite Pickspal, auf der Nutzer kostenlose Wetten zu verschiedenen Sportereignissen von Baseball bis bis Basketball einreichen können. Zu gewinnen gibt es nichts. Dafür aber werden Wett-Teilnehmer in ein Ranking aufgenommen, das auf der durchschnittlichen Treffergenauigkeit ihrer Vorhersagen beruht, und können sich somit eine Reputation als „Sport-Gurus“ ihrer Community aufbauen.
Bei der Analyse der Wettdaten fiel dem Pickspal Team auf, das ein sehr geringer der Prozentsatz der Nutzer in ihren Vorhersagen weit überdurchschnittlich abschnitt. Aus der Gruppierung dieser Nutzer in eine „Premium-Gruppe“ resultierten in der Regel äußerst aussagekräftige Sportprognosen, die das Pickspal-Team rasch als vermarktungsfähigkes Produkt identifizierte. Seit September 2006 können Pickspal Nutzer für 10 US-Dollar auf die gemeinschaftliche Weisheit der 30 besten Pickspal Spieler in einer Sportart zurückgreifen, und erhalten für die Gebühr fünf Vorhersagen für künftige Spiele.
Dieser „Wisdom of the few“-Ansatz lässt sich natürlich auch auf andere Geschäftsmodelle übertragen. Communities wie SocialPicks of Motley Fool Caps setzen beispielsweise auf die Auswertung der Nutzerintelligenz für Finanzprognosen. Die Community-Mitglieder prognostizieren die Kursentwicklung börsennotierter Titel, und werden anschließend anhand der Genauigkeit ihrer Prognosen und dem durchschnittlichen Returns der Investments gerankt. Anhand der Plattformdaten werden dann Kursprognosen errechnet, in denen die Prognosen „erfolgreicher“ Mitglieder überdurchschnittlich hoch gewichtet werden. (Beispiele aus unserer Studie Grid Media - (Überlebens-)Strategien für Publisher im digitalen Zeitalter).
Interessant ist das "Wisdom of the few"-Verfahren vor allem, wenn es um Vorhersagen oder die Antizipation künftiger Entwicklungen geht. Medienanbietern könnte der „Wisdom of the few“-Ansatz etwa die Möglichkeit eröffnen, aus der Masse ihrer Nutzer Trendsetter zu identifizieren, die einen überdurchschnittlichen Einfluss oder ein überdurchschnittliches Gespür für das Interesse ihrer jeweiligen Peer-Groups haben.
Wie wäre es zum Beispiel mit einer "Wisdom of the few"-Applikation zum frühzeitigen Aufspüren neuer Musiktrends? Oder mit einer "Modeprognose" für das kommende Jahr (hier könnte auch so mancher Fashion-Konzern von lernen)? Weitere Beispiele? Ich bin gespannt auf Ihre Anregungen ...


