Das Thema Suche wir tagtäglich diskutiert, und kaum ein Tag vergeht, in dem wir nicht mit neuen "Google-News" überfrachtet werden. Doch abseits dieses "Google Fiebers" stellt sich die Frage, wohin sich das Thema (Web-)Suche langfristig entwickeln wird.
Zwei jüngste Ereignisse haben mich dazu veranlasst, das Thema noch einmal langfristig zu überdenken: Zum einen verhandeln Google und Apple anscheinend über eine Partnerschaft zu iTV - theoretisch könnte Google auf iTV schon bald kontextuelle Werbung einblenden. Zum anderen bin ich auf einen interessanten Blog von Jermiah Owyang gestoßen, in dem dieser über die Zukunft der Online-Datenspeicherung spekuliert. Darin prophezeit Owyang u.a. eine Umkehr des derzeitigen Geschäftsmodells für Datenspeicherung:
I predict consumer level data storage will become SO cheap, that the model will flip and online storage companies will PAY consumer/producers to upload content in return for contextual marketing and advertising.
Auf diese Weise könnte - so argumentiert Owyang - das Web schon bald einen Zugriff auf die privaten Content-Sphären von Endnutzern ermöglichen, eine "Websuche" würde demnach künftig nicht nur professionelle Webseiten, sondern auch Teile der Festplatten von Milliarden von Endnutzern umfassen (zumindest diejenigen, die diese Nutzer der Öffentlichkeit oder auch nur einer eingegrenzten Peer-Group zugänglich machen wollen).
Die Welt wird digitalisiert - und damit durchsuchbar
Kein Zweifel: Die Welt wird digitalisiert - und damit durchsuchbar. Das ist an sich kein neuer Trend, allerdings einer, der sich erst jetzt in seiner vollen Tragweite manifestiert. Nationale und internationale Nachrichten sind heute schon vollkommen digitalisiert, lokale Nachrichten bald auch. Gelingt Google sein Mammut-Buchprojekt, folgt bald das heute in Büchern festgehaltene Wissen. Die gedruckte Welt ist auf dem Weg ins Internet - oder schon halb dort angekommen
Der nächste Schritt: Durchsuchbare Musik
In den Unterhaltungsmedien ist der Großteil der Musik dank iTunes und P2P-Tauschbörsen bereits ebenfalls digital abrufbar. Doch wie wird Musik "durchsuchbar"? Strukturierte Datenbank-Ansätze wie die Musik-Metadatenbank MusicBrainz ermöglichen zwar den Zugriff auf rund 5 Mio. Musiktitel und mehr als 250.000 Interpreten. Ein wirkliche "Suche" nach "Inhalten" im eigentlichen Sinne ist dies aber noch nicht - schließlich entsprechen Interpreten und Albentitel nur der "Verpackungsbeschriftung" der eigentlichen Musik. Diese wird erst durchsuchbar durch Ansätze wie das Pandora's Music Genome Project: Seit dem Jahr 2000 hat Pandora hundertausende Titel nach 400 Attributen (oder "Genen") analyziert - darunter Melodiestrukturen, Harmonie, Rhytmus und Arrangements. Damit wird es möglich, Musik "nach meinem Geschmack" zu suchen - unabhängig von Interpreten und Alben.
Durchsuchbare Sprache - bereits Realität
Auch Sprache ist bereits digitalisier- und damit durchsuchbar: Die Suchmaschine Blinkx (wer hat sich bloß diesen Namen ausgedacht ..) nimmt beispielsweise automatisch Fernsehprogramme auf, verwandelt die darin enthaltene Sprache per Voice-Recognition-Software in Textformat, und indexiert diesen Text schließlich in einem Suchindex. Auf diese Weise können die Programme nach bestimmten Stichwörtern durchsucht werden.
Wenden wir dieses Szenario auf unsere eigene Kommunikation an, so ergibt sich ein erstaunliches Bild: Nichts spricht dagegen, unsere über VoIP aufgenommenen Telefonate auf der Festplatte zu speichern und per Voice-Recognition-Software ebenfalls indexierbar zu machen. "Mit wem hatte ich letztes Jahr noch einmal über diese Software gesprochen?" - Ein Klick, und die Suche liefert den gewünschten Gesprächsausschnitt.
Schwieriger wird es, bewegte Bilder zu indexieren, doch auch hierzu wird es technische Möglichkeiten geben. Eine Suchmaschine für die automatische Erkennung von Gesichtszügen gibt es bereits - nichts spricht dagegen, ähnliche Mechanismen auch in Videos anzuwenden.
Die reale Welt durchsuchen
So interessant diese Beispiele auch sind, sie alle betreffen nur die Welt der Kommunikation im weitesten Sinne. Noch spannender wird es, wenn unsere reale, physische Welt durchsuchbar wird. Und hier ist erst die Spitze des Eisbergs zugänglich: Schon heute gibt es für erstaunlich viele physische Präsenzen einen "digitalen Spiegel". Geschäftsinventare werden beispielsweise digital abgebildet, einschließlich ihrer gesamten Lieferkette. Die Aggregation dieser Inventare in einer gemeinsamen Datenbank mit einem öffentlichen Suchinterface würde die gesamte Welt zu unserem persönlichem Einkaufzentrum machen. "Ein Levis 501-Hose Größe 42?" Kein Problem - diese liegt 0,3 km entfernt im Lager eines lokalen Händlers.
Auch sonst sind "digitale Spiegel" weit verbreitet: Bei unseren Bewegungen von A nach B hinterlassen wir GPS-Spuren, in den USA spüren besorgte Eltern ihren verlorengeglaubten Nachwuchs dank GPS-Handy jederzeit digital auf. Dank RFID-Chips und Sensoren können wir diese Ortung künftig auch auf kleinste Gegenstände ausweiten.
Die Einführung von mobilen Computern in der Verbindung mit omnipräsenten Mobilfunk-Kameras ermöglicht zudem die konstante Digitalisierung unserer "Umwelt": Über die Mobilfunksoftware Waymarkr können Handy-Nutzer beispielsweise einen konstanten "Fotostream" über ihre Handykamera schicken, der dann automatisch mit Geodaten verknüpft wird und so eine "digitale Bildspur" des eigenen Weges erstellt. Auch wenn solche Anwendungen dem Durchschnittsnutzer noch absurd erscheinen, sind unsere digitalen Fußstapfen heute oftmals größer als unsere realen.
Die durchsuchbare Welt ...
Wo also ist die Grenze der "Durchsuchbarkeit"? Das - zunächst - Erschreckende: Es gibt keine solche Grenze, jedenfalls keine technologisch bedingte. Aufgrund des technologischen Fortschritts wird - früher oder später - unsere gesamte Welt "durchsuchbar" - einschließlich aller darin enthaltenen physikalischen Objekte. Wenn überhaupt eine Grenze entsteht, so ist dies die Grenze der eigenen Privatsphäre. Vielleicht lautet die Frage künftig weniger, was alles durchsuchbar ist. Vielleicht lautet die Frage eher, wie und wann wir uns vor "Durchsuchungen" schützen wollen ...


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